Reflections

Normal und anders

Vom Genetiker Markus Hengstschläger stammt das Buch Die Durchschnittsfalle. Gene  Talente – Chancen:1 Die Mittelmäßigkeit ist der Liebling der Österreicher. Das führt unser Land in eine evolutionäre Sackgasse. „Der Durchschnitt hat noch nie etwas Innovatives geleistet. Da schwärmt ein Vater: ‚Mein Sohn ist so problemlos, ist noch nie negativ aufgefallen.‘ Aber auch positives Auffallen ist nicht erwünscht. Das wäre nämlich Stress. Die Gesellschaft arbeitet immer auf den Durchschnitt hin. Wie soll etwa eine Durchschnittsnote entscheiden, ob jemand ein guter Arzt wird? Der statistische Durchschnitt bringt nicht weiter und ist nicht zukunftstauglich. Eine repressive Egalität blendet das konkrete antlitzhafte Du mit der konkreten Wirklichkeit von Leid, Angst, Unterdrückung und Tod aber aus. Individualität hat keine Chance. Was ist bei einem statistischen Durchschnitt mit dem konkreten Gesicht, mit dem Antlitz, mit dem Namen? Was mit der Zärtlichkeit und mit dem Eros, was mit der Schönheit, was mit dem Beten? Sind Zahlen arbeitslos? Haben Statistiken Probleme? Sterben Zahlen an Krankheiten?

In der Sache geht es um das Talent oder auch Charisma, also um das individuelle, besondere Wissen, Können und HandelnWollen jedes Einzelnen. Da fallen einem Plácido Domingo ein und Anna Netrebko, was die Stimme betrifft, oder Lionel Messi bei den Fußballern. „So ein Talent“, sagen die einen, „hat man, oder hat man nicht.“ „Aber nein“, sagen die anderen, „alles kommt nur vom Üben, Üben und wieder Üben.“ So nehmen wir nach Hengstschläger nicht die Talente wahr, sondern nur die Erfolge, die wir mit ihrer Hilfe erzielen. Oder: Talente können nicht gewertet werden, weil wir nicht wissen, welches Talent in der Zukunft von Bedeutung sein wird. Wer würde von uns sagen: Diese Frau ist ein Genie in der Pflege, oder: der hat ein Talent zum Dienen?

– Gilt diese Kritik an der Mittelmäßigkeit, am Durchschnitt und an der Gleichmacherei auch für die Kirche? Hat unser Niveau des Gebetes, der Nachfolge und der Caritas Zukunft oder löst sich die Kirche mit ihren Grundvollzügen auf? „Ein feines Gefühl lässt sich so wenig lernen wie ein echtes. Man hat es  oder hat es nicht“, so lautet ein Aphorismus von Theodor Fontane. So was hat man oder man hat es nicht!? Gilt das für ein feines Gefühl, für Ausstrahlung, für Talente, für Charisma, Selbstbewusstsein, Rhetorik, Liebesfähigkeit, für Musik und Religiosität, für Berufung und Sendung? „Sowas hat man“ ist ein Songtext von Böhse Onkelz:

„Ich war zu groß, zu dick, zu blass / Zu irgendwas / KOMPLIZIERT / Quer über die Stirn tätowiert / Sowas hat man oder hat man nicht / Sowas ist man oder ist es nicht  alle Augen auf mich / Vom Prolet zum Prophet  ja sowas geht, wie ihr seht / Es ist ganz leicht  wenn man weiß, wie es geht / Heute begreife ich jedes Lied / Als einen Sieg / Über die Zeit / Über Herkunft und Vergangenheit.“

Oder ist jedes Lied, jedes Gebet, jedes Gespräch in der Pastoral ein Sieg über die Zeit, über die Herkunft und Vergangenheit? Berufen wozu?

Im Gleichnis vom Sämann (Mt 13,19) spricht Jesus davon, dass die Saat teils auf den Weg fällt, wo sie dann von den Vögeln gefressen wird, teils auf felsigen Boden, auf dein sie keine Wurzeln fassen kann, und so bald verwelkt und verdorrt, teils unter Dornen, unter denen die Saat ersticken. Ein anderer Teil fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.  Die Schriftauslegung der Kirchenväter und auch des Mittelalters hat dieses Gleichnis auf Weisen der Heiligkeit und auf Stände der Kirche hin gedeutet. Von einer dreifachen Vollkommenheit ist die Rede, einer höheren Form, einer mittleren und einer minderen. Hundertfache Frucht bringen die Märtyrer, sechzigfache die Jungfrauen und die Asketen, dreißigfache vielleicht noch die Verheirateten2. Die Märtyrer galten nach den Aposteln als der Prototyp der Heiligkeit, von dem her alle anderen gemessen wurden. Jungfräulichkeit, Askese oder auch die Pflege von Pestkranken wurden als unblutiges Martyrium verstanden. Der berufliche Alltag, die tagtäglichen Mühen in der Ehe konnten nur im Kontext eines minderen Christentums verstanden werden. Kein Wunder, dass die Rede von Heiligkeit in den Verdacht kam, den Großteil der Christen zu vernachlässigen oder als minderwertig zu betrachten.

Wohl hat das Vatikanum II die allgemeine Berufung zur Heiligkeit wieder in die Erinnerung gerufen. Bewusst wird diese Berufung im 5. Kapitel der Kirchenkonstitution vor die einzelnen Ausprägungen, z.B. im Ordensleben gesetzt: Daher sind in der Kirche alle, mögen sie zur Hierarchie gehören oder von ihr geleitet werden, zur Heiligkeit berufen gemäß dem Apostelwort: „Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung“ (1 Thess 4,3; vgl. Eph 1,4). Diese Heiligkeit … drückt sich vielgestaltig in den Einzelnen aus, die in ihrer Lebensgestaltung zur Vollkommenheit der Liebe in der Erbauung anderer streben. … Jedem ist also klar, dass alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen sind. Durch diese Heiligkeit wird auch in der irdischen Gesellschaft eine menschlichere Weise zu leben gefördert.3 Ich glaube nicht, dass ich die nachkonziliare Entwicklung falsch einschätze, wenn ich meine, dass die oben angeführten Abschnitte des Konzils wenig im kirchlichen Allgemeinbewusstsein rezipiert wurden. Die Unbeholfenheit gilt für das Verständnis von Heiligkeit, aber auch und im Besonderen für die Rede von Berufung und Gnade.

Ich rufe dich beim Namen

Die christliche Tradition kommt aus einer positiven Wertschätzung der verschiedenen Berufungen und Charismen. Paulus spricht von „unterschiedlichen Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Hat einer die Gabe prophetischer Rede, dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben; hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre; wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken; wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig.“ (Röm 12,68) Von da her darf und soll es eine positive charismatische Vielfalt geben. Das Charisma wird je nach den geschichtlichen und situativen Möglichkeiten, entsprechend der Lebensform, den Begabungen und Behinderungen verwirklicht. In dieser Perspektive braucht der einzelne seinen Weg nicht mit einem ständigen (überheblichen oder neidischen) Vergleich mit anderen oder aus der Negation der anderen heraus zu gehen. Ungleichheiten müssen freilich so beschaffen sein, dass sie nicht zum Vorteil der Starken ausschlagen, sondern den Schwachen und dem Aufbau des Reiches Gottes dienen.

Innerkirchlich dürfte der Umgang mit Unterschieden große Reibungsverluste, d.h. viele Enttäuschungen, Kränkungen und Ängste mit sich bringen. Da gibt es Verelendungstheorien (das alte System muss fallen, dann kommt wie ein Phönix aus der Asche die neue Kirche), da gibt es Entwurzelung, die alles andere mit ausreißt. Wenn Charismen bzw. Gnadengaben auf Kategorien des Rechts, des Dürfens oder der Macht reduziert oder auf emanzipatorische Gegenbegriffe zu Amt, Recht und Macht verkürzt werden, besteht die Gefahr, dass das Heil, das Reich Gottes, das Evangelium aus den Augen verloren wird. Wenn communio als abstrakte Gleichheit oder bloß formaler Diskurs missverstanden wird, besteht die Gefahr der Nivellierung der Gnadengaben mit einer Verunglimpfung und Verdächtigung von besonderen Berufungen. Das aber wäre Auflösung von geschichtlich konkreter Freiheit, Kommunikation und Solidarität. Die Vielfalt und Verschiedenheit der Gnadengaben in der Kirche ist kein Herrschaftsgefälle, nicht Abfall oder Zerfall, sondern Reichtum, Gleichnis und Kundgabe der Lebensdynamik Gottes.

Zwischen Arroganz und Depression

Ein Wort fasst ignatianische Spiritualität gut zusammen. Es lautet: „Non coerceri a maximo, tamen contineri a minimo hoc divinum est“.  „Nicht begrenzt werden vom Größten und dennoch einbeschlossen im Kleinsten, das ist göttlich.“4 Vom Größten nicht begrenzt!? Lässt das an Größenwahn denken, an Stolz oder Übermut, ein Greifen nach den Sternen und darüber hinaus? Wer sich vom Größten nicht begrenzen lassen will, überschätzt sich, geht in die Irre.  Nicht von Hochmut ist bei Ignatius oder Hölderlin die Rede, sondern von einer christlichen Tugend, die im Deutschen ganz ähnlich klingt, von der Großmut. Sie meint eine innere gläubige Haltung, die Gott und seinem Wirken Großes zutraut. Die Seele streckt sich nach Großem aus, rechnet in grenzenlosem Vertrauen mit dem mächtigen Wirken Gottes. „Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen könnte, wenn sie sich ihm vorbehaltlos anvertrauen.“ (Ignatius von Loyola) Ignatius von Loyola war schon von Natur aus alles Niedrige, Mittelmäßige und Halbe zuwider. Er lässt sich da, wo er nach dem Sinn seines Lebens sucht, immer mehr zu jenem Vertrauen führen, in welchem er Gott mehr zutraut als sich selbst, Größeres als was er sich selber zurechtlegen könnte, wird in seinem Leben dadurch Wirklichkeit, dass er Gott vertraut. Immer mehr beginnt er mit der göttlichen Hilfe zu rechnen, immer näher drängt es ihn zu Gott.  Die Gottesbeziehung ist zentral, manchmal war es die Erfahrung, dass alles andere zu kurz greift, zu wenig ist, ein andermal die Erfahrung von Trost. Gehalten sein im Kleinsten: Wer nach Großem auslangt, sei gleichzeitig derjenige, dem das Kleinste nicht zu klein ist, um sich darum zu kümmern. Sie sind Ausdruck jener geistigen Grundhaltung, jener Spiritualität, welche ob der Größe der gesteckten Ziele das Kleine nicht vergisst. Auch alltäglichste Dinge sind Orte der Gottesbegegnung. Es geht um einen anderen Zugang zu den Dingen, zur Schöpfung, zur Arbeit, zum Raum, zur Zeit, zum Leben: „Der kategorische Imperativ … sollte heißen: ‚Handle so, dass es auch ein Gebet sein könnte‘.“5 „Alle Geräte und den ganzen Besitz des Klosters betrachte er als heiliges Altargerät. Nichts darf er vernachlässigen.“ (RB 31,1011) Bei allen Veränderungen in der Kirche, bei der Vielfalt der Arbeit, bei den ganz unterschiedlichen Traditionen in Stadt und Land: Arbeit ist Gottesdienst. Das gilt gerade auch für Bürokratie, für Organisation, für Krankenbesuche und für die Arbeit mit Kindern sowieso.

Grundlegende Lebensäußerungen des erwachsenen Menschen sind Arbeit und Beziehungen. Menschen erleben durch beide Dimensionen Schmerz und Glück, Scheitern und Gelingen. Was immer den Menschen in diesen beiden Bereichen zustößt, bestimmt ihre Gottesbeziehung und hat somit auch eine religiöse Relevanz. „Wir leben das MitSchöpferSein aus in Arbeit und Liebe.“6 Der Zusammenhang von Lieben und Arbeiten geht auf Sigmund Freud zurück, der das Wesen einer nicht neurotischen Persönlichkeit durch die Fähigkeit, zu lieben und zu arbeiten, definiert.7

Es geht also nicht um eine falsche Arroganz oder um ein verkehrtes Elitedenken, sondern um Stellvertretung im christlichen Sinn. Stellvertretung heißt: „Einer trage des anderen Last.“ (Gal 6,2). Stellvertretung heißt: Räume des Gebetes, der Hoffnung und der Liebe eröffnen und offen halten, wo diese bei anderen verschlossen sind, wo nichts mehr erwartet ist, weil der Schmerz zu groß, die Erschöpfung zu stark, die Zumutung des Leidens zu massiv war. Stellvertretung heißt: andere mitnehmen auf dem Weg, wie Jesus uns mitnimmt auf dem Weg zum Vater und zur Communio mit seinen Brüdern und Schwestern. Stellvertretung heißt auch: Ins Leere, ins Umsonst hinein lieben, damit andere wieder liebesfähig werden und einen Lichtblick sehen.

Gleichzeitigkeit mit Jesus

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat davon gesprochen, dass wir beim Lesen neutestamentlicher Texte Gleichzeitigkeit mit Jesus erfahren. Wenn ich mich in das Geschehen der Erzählung einbringe, wird diese Geschichte meine Geschichte und Begegnung mit Jesus. Eine Krankenheilung, eine Befreiung von bösen Geistern, eine Begegnung mit Jesus in den Weggeschichten geschieht dann im Jetzt, z.B. das Erzählen vom Samen, der auf verschiedenen Boden fiel, geschieht dann an mir und mit mir. Die biblische Erzählung ist damit keine abgeschlossene, keine bloß wiederholt gelesene Geschichte von damals. Das Geschehen um und mit Jesus trägt sich dann heute zu.

In Jesus Christus schaut uns Gott an. In Ihm sind wir von Gott her Angesehene. „Und weil das Auge dort ist, wo die Liebe weilt, erfahre ich, dass Du mich liebst. … Dein Sehen, Herr, ist Lieben, und wie Dein Blick mich aufmerksam betrachtet, dass er sich nie abwendet, so auch Deine Liebe. … Soweit Du mit mir bist, soweit bin ich. Und da Dein Sehen Dein Sein ist, bin ich also, weil Du mich anblickst. … Und nichts anderes ist Dein Sehen als Lebendigmachen. … Dein Sehen bedeutet Wirken“ schrieb Nikolaus Cusanus (De visione Dei). Sendung geschieht aus einer lebendigen Beziehung zum gekreuzigten und auferstandenen Christus in der Gegenwart heraus. Die Gegenwart ist der Ort der Erfahrung Gottes. Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit. Und die Gegenwart ist der Kairos, die beste Gelegenheit für die Nachfolge Jesu.

Sympathie und Grenzgänger

Zur Sendung zur Arbeit in der Pastoral und im Religionsunterricht gehört eine Leidenschaft für die Jugendlichen, ein Mögen, eine Sympathie für die Menschen, eine starke Sorge, eine Verantwortung, für die man sich ernsthaft entschieden hat. Pastoral und Religionsunterricht mögen durch Menschen erfolgen, die nicht nur an sich selbst und an der eigenen Autonomie interessiert sind, sondern „generative Menschen“ sind, also Menschen, die selbst auf festem Grund stehen, Vertrauen vermitteln und Freude am Werden, Wachsen und Blühen anderer haben. Generativen Menschen geht es nicht nur um die eigene Selbstbehauptung. Ihre Energien, ihre Zeit sind nicht durch die eigenen Interessen besetzt. Ohne generative, schöpferische Fürsorge und Verantwortung für andere, verarmt das Leben, es stagniert. Keine Generation fängt beim Nullpunkt an und jede Generation gibt an kommende Generationen etwas weiter. Was hinterlässt die gegenwärtige Generation der zukünftigen: Ruinen, einen Schuldenberg, verbrannte Erde, einen Scherbenhaufen? Oder können wir ein Wort von Hilde Domin anwenden: „Fürchte dich nicht / es blüht / hinter uns her.“8?

An die Grenzen menschlicher Existenz: Aus sich selbst herausgehen, „nicht nur an die geographischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz, der fehlenden religiösen Praxis, des Denkens und jeglichen Elends“. Eine egozentrische Kirche „beansprucht Jesus für ihr Eigenleben und lässt ihn nicht nach außen treten“. „Mir ist eine ‚verbeulte’ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinaus gegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die Sicherheiten zu klammern krank ist.“ (Papst Franziskus)

Geduld des Reifens

Es ist von keiner Berufung zu erwarten, dass sie ganz rein, lauter und perfekt ist. Auf dem Feld jeder Biographie wachsen Unkraut und Weizen. Das war auch schon bei den Aposteln so. In diesem Sinn können durchaus psychische Prägungen, Störungen und Defekte bei einem Beruf eine Rolle spielen, diesen prägen oder sogar verdunkeln. Geistlich ist es nicht, solche Störungen von vornherein fromm auszuschließen. Gott hat die Geduld des Reifens9. Er löscht den glimmenden Docht nicht aus. Er hat einen langen Atem, der wachsen lässt. Die Wachstumsgleichnisse strahlen diese Großzügigkeit Gottes, der Zeit gewährt, aus (Mt 13). „Geistlich“ sind keine „Alles oder Nichts“ Lösungen, keine SchwarzWeißMalereien. „Spirituell“ ist die Wahrhaftigkeit gegenüber der eigenen Motivation, das Wissen um die Schwächen, das Kennen der depressiven Phasen, die Bereitschaft zur Läuterung und zum Wachsen. Geistliches Leben ist nicht als Fertigprodukt entweder gegeben oder eben nicht gegeben, es ist mit einem mühevollen lebenslangen Lernprozess verbunden, der bis zum Tod nicht abgeschlossen ist. Die grundsätzliche Entscheidung für die Hoffnung wider alle Hoffnung, für das Vertrauen in Treue, die Lebensentscheidung als Konkretion der Grundentscheidung für Gott und sein Reich ist in einen Prozess der Kommunikation und des Lernens eingebunden. Auch die Ausbuchstabierung der Liebe, der personalen Lebenshingabe und der Nachfolge ist ein schöpferischer Prozess, der in Höhen und Tiefen, durch Gelingen und Versagen führt. Jeder Lebensabschnitt und jede geistliche Phase hat seine Chance und auch seine Versuchungen. Der einzelne hat dabei nicht einfach den Geist als Besitzstand in der Tasche. Es gibt Höhen und Tiefen, Gelingen und Versagen, Hindernisse, Schwierigkeiten und Wachsen. So darf es auch Latenzphasen, Umwege, Sackgassen, Schuld und auch Umkehr und Neuanfänge geben. Endlösungen, Vergatterungen, Hauruckkommandos und Gewalt gehören nicht zum Vokabular des Evangeliums. Jede Altersphase hat ihre je eigenen Chancen und Schwierigkeiten, ihre Schwierigkeiten und Defizite in der Form der Liebe. Es gibt auch die Möglichkeit, Defizite einer Phase in der nächsten Altersstufe nachzuholen bzw. nachreifen zu lassen. Ideologie, d.h. falsches, verblendetes Bewusstsein wäre es, wenn alles sofort „funktionieren“ muss bzw. wenn alles hingeschmissen wird, wenn es nicht sofort „funktioniert“. Das Lernen, Wachsen und Reifen wird teilweise durch einen Mangel an Frustrationstoleranz, durch das Fehlen von Lernfeldern und auch durch die schlichte Verweigerung des Lernens, durch eine Wachstumsscheu unterbunden.  In diesem Zusammenhang ist auch auf die Ambivalenz des Ideals der „Ganzheitlichkeit“ hinzuweisen. Zum Ideal erhoben wirkt der Jargon der Ganzheitlichkeit destruktiv und depressiv. Vielmehr braucht es den Mut zum Fragment, das Annehmen seiner selbst in der Gebrochenheit menschlicher Existenz. Nicht wenige zerbrechen am unmenschlichen Ideal der totalen Glaubwürdigkeit. Moralinjektionen, Rezepte und Ratschläge von außen entsprechen meist nicht der Abgründigkeit von existentiellen Erfahrungen.

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